hannes01Lebenswende: Interview mit Johannes Ramel!
Ich war Priester ...
Mit 48 Jahren wurde ich als Pfarrer suspendiert, da ich der Heiligen Schrift vor einer kirchlichen Tradition den Vorrang gab.

Elke: Hannes, du hast eine sehr interessante und bewegte Vergangenheit. Ich bewundere deinen Mut, die Wahrheit zu sagen, sie zu leben und auch deinen Mut, so konsequent einen Weg zu gehen, der alles andere als leicht war. Du hast sehr viel aufgegeben, aber dafür das Wichtigste im Leben bekommen: Eine lebendige Beziehung zu Jesus!
Als ich dich das erste mal bei der Trauung von Bekannten erlebt habe ...du warst damals ja kein Priester mehr... hätte ich nie gedacht, dass ich dich eines Tages persönlich kennen lernen würde.
Aber das Internet macht's möglich ;-)
Ich bin gerade dabei, eines deiner Bücher zu lesen: "Im Aufbruch des Glaubens". Es ist interessant und teilweise recht spannend, was man da alles zu lesen bekommt. Gleich eine Frage dazu: Warum hast du dieses Buch geschrieben?
Hannes: Es ist Katholiken gewidmet, die auf der Suche nach Jesu Wahrheit sind, die frei macht. Es soll ein Bekenntnis der Taten sein, die Gott an mir getan hat und immer noch tut.

Kindheit

HannesElke: Es ist deine Lebensgeschichte. Ein Lebensbericht eines ehemaligen Pfarrers, der mit 48 Jahren suspendiert wurde, weil er der Heiligen Schrift vor einer kirchlichen Tradition den Vorrang gab.
Vielleicht kannst du uns zu Anfang ein bisschen aus deiner Kindheit erzählen?
Hannes: Ich bin als sechstes Kind in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Mein Bruder war damals schon zehn Jahre älter als ich. Ich hatte gegen fünf Kilogramm bei der Geburt. Meine Mutter kam dadurch in große Not. Mein Gewicht drückte so an ihre Harnröhre, dass die Gefahr einer Harnvergiftung bestand. Der Arzt hatte eine Abtreibung angeraten. Meine Mutter riskierte lieber ihr Leben als meines. So erblickte ich doch das Licht der Welt.

Elke: Eine zweite Lebensretterin - eine, die erst 4 Jahre alt war und dich aus dem Wasser zog - gab es ja auch noch. Aber jetzt zu dem nächsten Lebensabschnitt! Wie erlebtest du die Pflichtschuljahre?

Jugendzeit

Hannes: Während der Pflichtschulzeit war mir neben dem Lernen besonders wichtig, wie ich in der Schulgemeinschaft meinen Platz finden konnte, denn während der Kriegsjahre gab mir diese große Gemeinschaft Geborgenheit.
Die Nachkriegsjahre waren bei aller Einfachheit doch hoffnungsvoll. Ich hatte mein Strohsackbett in der Kammer der Großmutter. Ein aufgewärmter Ziegel im Bett in den Wintermonaten, dann gar das elektrische Licht ab 1947 waren Meilensteine unsres Wohlstandes.
Mir wurde bald Arbeit zugeteilt und so wurde mir der Sonntag sehr wichtig. Frisch gewaschen vom Schmutz der Woche, in Sonntagskleidern ging es zu Fuß in die Kirche. Hier schien mir damals die Welt und der Himmel in einer harmonischen Einheit. Und alle hatten darin ihren Platz.
Es machte mich betroffen, dass einige Menschen dort keinen Platz suchten. Sie gingen nicht in die Kirche. Es holte mich das Erleben der Einsamkeit ein. Ich fand die Antwort auf meine Fragen nicht mehr in der Geborgenheit einer Gemeinschaft. Ich streckte mich aus nach einer Antwort von Gott. Bei allen guten Ansätzen vom Hineinwachsen in die Erwachsenengesellschaft ging ich nicht mehr darin auf. Ich suchte mehr als das, das mir meine Umgebung bietet.

Elke: Wie alt warst du damals? Wie sah dein Leben aus?
Hannes: Ich war inzwischen gegen sechzehn Jahre alt. Ich lernte Bassflügelhorn in der Blasmusikkapelle. Ich durfte auch schon bei einigen Anlässen mitspielen. Bei meiner ältesten Schwester, die in einer Fleischhauerei beschäftigt war, lernte ich mit der Tochter der Fleischhauerfamilie die ersten Tanzschritte. Ein erster Anflug von Liebe durchströmte mich unter errötender Schüchternheit. Ich kam mir sehr unbeholfen vor.

Elke: In dieser Zeit bewegten dich ja einige Fragen?
Hannes: Ja, es sprach eine innere Stimme zu mir: Was wird aus deinem Leben? Ich wollte so gerne wissen, wie mein Leben verlaufen wird, wie das Resultat meines Lebens aussehen wird. Wie werde ich in alle Ewigkeit sein? Was macht mein Lebenswerk aus, was ist meine unveränderliche Persönlichkeit? Ich merkte, dass es darauf ankommt, an dieser Persönlichkeit zu arbeiten. Zugleich wusste ich, dass es mehr auf meine Berufung ankommt als auf mein Werk.
An diesem Abend wurde mir durch eine Bibelstelle klar, dass Jesus bei all seiner Erhabenheit und Größe einer ist, der mich seit Ewigkeit her liebt, der mich ruft und führt.
Alsdann verließ ich diese Höhe der Gotteserfahrung. Im Wort und in den Niederungen des Lebens spann ich meine Gedanken weiter. Mein Denken war ganz vom katholischen Weltbild geprägt. Auch die Heilige Schrift hörte ich nur unter dem Filter des katholischen Gottesdienstes. Dieser Alltag hatte eine blasse Farbe des Erlebens im Vergleich zum obigen Erleben.
Auch ich kannte zwar das direkte Erheben meines Herzens zu meinem Schöpfergott. Ich liebte kurze selbst geformte Sätze als Gebet mehr als die ermüdende Wiederholung auswendig gelernter Gebete. Ich konnte auch den Unterschied feststellen. Wenn ich mit meinen eigenen Worten betete, war meine Beziehung zu Gott lebendig und direkt. Wenn ich geformte Gebete hersagte, blieben sie oft ohne Echo.
Ich war nun der Meinung katholischer Priester werden zu sollen. Ich wollte einen vertrauten Umgang mit Gott haben und möglichst viele Menschen zu Gott führen.

Elke: Hast du dabei gar nicht an die Konsequenzen gedacht? Ich denke da besonders an das zölibatäre Leben.
Hannes: Doch, dieser Gedanke jagte mir zugleich Furcht und Angst ein. Ich ahnte die Überforderung eines zölibatären Lebens, die Macht der katholischen Kirche über mich. Es war nicht das Sprechen Jesu vor mir wie damals. Jetzt erlebte ich einen überfordernden Gott, der mir keine Freiheit ließ, der mir zugleich auch Macht und Einfluss in Aussicht stellt, die Faszination der hierarchischen Stufen bis nach oben. Er ließ nicht Freude, Liebe und Frieden zurück, sondern Spannung, Risiko und Druck.

Elke: Wie reagierten deine Eltern?
Hannes: Ich eröffnete meinen Eltern und der ganzen Familie meine Meinung, dass ich Pfarrer werden sollte. Auch diesmal breitete sich ein Schrecken über alle aus. Sie fürchteten sich, es könnte Unglück über die Familie hereinbrechen, wenn sie diesem Wunsch nicht gerecht würden. Meine Schwester sagte: „Wenn alle Jahre eine Kuh krank wird und eingeht, kostet das soviel wie das Studium von Hans.“ Ich hoffte, meine Eltern würden mein Ansinnen ablehnen. Zugleich sagte ich meinem Vater, er solle dem Pfarrer nach dem Sonntagsgottesdienst diesen Entschluss mitteilen. Widererwarten sprach mein Vater mit dem Pfarrer. Alles kam ins Rollen ...

 

Studium in Horn & Theologiestudium in St. Pölten

 

Ich maturierte an der Aufbau-Mittelschule Horn und studierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten Philosophie und Theologie.

Elke: Was du in dieser Zeit erlebt hast, kann man in deinem Buch nachlesen. Wie fühltest du dich während dieser Zeit?
StudiumHannes: Ich erlebte in den Bischofsämtern die inzwischen größere Gemeinschaft der Diözese, der voll ausgestatteten Ortskirche. Es war wieder die Geborgenheit, wie ich sie als Kleinkind in der Pfarrkirche genoss. Es war eine Geborgenheit aus einer Gemeinschaft heraus. Auch diese Geborgenheit hielt nicht an. Das Studium vermittelte mir teilweise ein scheinbar geordnetes Ganzes in der Glaubenslehre der katholischen Kirche, zugleich war Gott nicht lebendig nahe. Gerade das machte mich unerträglich einsam. Diese Einsamkeit konnte auch die Brüderlichkeit unter den Studienkollegen nicht beseitigen.
So wurde ich 1963 zum Priester geweiht. Ich war als Kaplan und später als Pfarrer von Golling an der Erlauf 23 Jahre in der Seelsorge tätig.

Elke: Wie kamst du nach Golling?

Meine Tätigkeit als Pfarrer

GollingHannes: Mein Verlangen, selber eine Pfarre zu leiten, kam immer mehr durch. Ich wollte keine in alten Traditionen festgefahrene Gemeinde. So war es mir willkommen, dass in Golling an der Erlauf eine Pfarre neu gegründet wurde. Ich bewarb mich darum. Als Kaplan von Pöchlarn konnte ich die Entwicklung ein Jahr mitverfolgen.

 

 

Mit der Markt- und Pfarrerhebung wurde ich als neuer Pfarrer von Golling an der Erlauf durch den Bischof eingeführt.

Der neue Pfarrer

Der ganze Ort erlebte dies als Aufwertung. Es war eine Aufbruchsstimmung.

Einweihung

Pfarrer

Jugendgottesdienst


Mein Zugehen auf die Menschen erweckte ein neues Gemeinschaftsbewusstsein. Die Bereitschaft, in der Pfarre mitzumachen wurde groß.

Feste

 

Wir starteten Feste, wo diese neue Gemeinschaftswerdung genossen wurde.
Ein Kirchenchor, Pfarrgemeinderäte und Mitarbeiter wurden geschult. Es war ein großes Rollenverteilen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Volkstanzgruppe

Schlussendlich gründeten wir noch eine Volkstanzgruppe und einen Kneippverein. Die Kirche bekam eine künstlerische Ausgestaltung, eine neue Orgel, ein Pfarrzentrum und schlussendlich ein Pfarrhaus wurden gebaut. All das musste die Pfarre auch mitfinanzieren mit den Pfarrfesten, Flohmärkten und einer Tombola...

Kirche in Golling

Schon war ich über die Einbettung in der Kirche inmitten eines gesellschaftlichen Formungsprozesses, der nach außen ein erfolgreiches Pfarrleben vorzugeben schien. Es hatte aber nicht die Maßstäbe einer biblischen Gemeinde: Worauf baute meine Arbeit? Ich baute an einer Gesellschaft, an einer Kultur.

Kirche in Golling
Mir wurde klar, ich muss zur Quelle kommen. Nicht mein eigenes Bemühen, nicht mein Handeln ist das Ausschlaggebende, sondern das Handeln Gottes in meinem Leben.

Die Entscheidung für Jesus Christus

Elke: Was brachte dann die große Veränderung in deinem Leben?
Hannes: In der Zeit meines Suchens nach einer Neuorientierung wurde ich aufmerksam gemacht auf ein Seminar in Wiener Neustadt. Ein Teilnehmer aus der ORF Reihe "Wozu glauben" sagte mir damals nach meinem Vortrag: "In Wiener Neustadt ist ein Seminar, da geht es nur um den Heiligen Geist." Da funkte es bei mir. Ich dachte mir: Genau das brauchst du. Dir fehlt die Kraft des Heiligen Geistes. Ich fuhr voll Erwartung mit dem Pfarrer und einer Ordensfrau aus dem Wallfahrtsort Maria Taferl hin. Ich fand dort in einer herzlichen Begegnung mit allen Teilnehmern Aufnahme. Es war, als kannten wir uns schon lange als Freunde im Glauben. Im Singen und spontanen Beten war eine Freude an Gott wie ich es noch nirgendwo kannte.
In unserem Kreis waren u.a. auch Teilnehmer aus der Freikirche. Diesen Ausdruck hörte ich zum ersten Mal. Später wurde mir klar, Freikirchen sind eine Gemeinschaft von Christen, die das ursprüngliche Zeugnis der Heiligen Schrift zur Grundlage ihres Glaubens und Handelns haben. Sie stützen sich nicht auf Privilegien des Staates oder auf eine eigene entwickelte Lehre neben der Heiligen Schrift. Der Zugang zu solch einer Gemeinschaft erfolgt aus einer jeweiligen Entscheidung des Einzelnen im Glauben für Jesus, weil er darin sein Glaubensleben umsetzen kann und auch will.
Besonders diese Leute aus den Freikirchen schienen so spontan und echt und herzlich zu sein. Kam das davon, dass ihnen Verkorksungen aus sonderbaren Frömmigkeits- und Glaubenspraktiken nie so anhaftete? Sie sind nie künstlich zugeschnitten worden auf eine Glaubenskultur mit ihren geschichtlichen Belastungen und Fehlwegen.
Zum ersten Mal wurde mir klar, dass Glauben nichts Nebuloses ist, auch nicht nur die Annahme einer Glaubenslehre, sondern ein herzhaftes Jesus-Zutrauen, dass er mich retten und verändern kann.
Der Schlüssel oder die Tür in die Wirklichkeit des neuen Lebens ist eine Art Vertrag zwischen Jesus und mir. Diesen Vertrag hat kein geringerer als Gott selber aufgesetzt. Er ist besiegelt worden in Jesu Blut. In ihm ist enthalten, dass wir ohne Gott im Todesschatten leben, dass Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. (vgl. Johannes 3,16).
Jesus hat stellvertretend alle Sünde der Welt um den Preis seines Blutes ausgelöscht. Auch meine Sünde. Darum steht nicht in der Schrift, wer getauft, gefirmt... wird, wird gerettet, sondern wer glaubt, wird gerettet.

Elke: Du nahmst dieses Geschenk, gerettet durch Glauben, an. Du hast Jesus in dein Leben aufgenommen, hast Buße getan - du hast deine Sünden bekannt - und hast dich auch taufen lassen. Das alles kann man - belegt mit vielen Bibelversen - auch in deinem Buch nachlesen.
Wenn man eine so große Veränderung im Leben erfährt, möchte man sicher auch das weitergeben, was man empfangen hat. Wie ist es dir dabei ergangen?
Hannes: Ich begann mit Block und Kugelschreiber die Heilige Schrift zu lesen, schrieb mir die Themen auf je ein Blatt und sammelte die Schriftstellen dazu. Es erstaunte mich, wie übergreifend geordnet alle Themen der Heiligen Schrift sind. Es erschloss sich auch der Sinn der Heiligen Schrift immer mehr, weil das Gesamtbild sichtbar wurde. Der Heilswille Gottes, der Weg der Errettung, die wunderbaren Absichten Gottes durch die Zeiten hindurch. Mit all dem wurde ich vertraut und darin ordnete sich auch mein Leben im Ganzen des Willens Gottes. Endlich eine Ordnung, die hält, die trägt, die sich nicht überholt, sich nicht als falsch erweist. Was bisher kompliziert erschien, wurde jetzt erstaunlich einfach, ohne dass etwas unter den Tisch gekehrt werden musste.
Nach meinen ersten geistlichen Fortschritten begann ich einen Gebetskreis in der Pfarre, begann systematisch mit Hausbesuchen. Mir war wichtig, dass jeder eine lebendige Beziehung zu Gott bekommt. Aber nur einige wenige kamen zum lebendigen Glauben an Jesus, indem sie Vergebung der Sünden und Rettung vor dem ewigen Tod erfuhren. Diese nahmen dann auch am Gebetskreis teil. Schmerzlicher wurde es für mich, als immer deutlicher wurde, dass bei den meisten Pfarrangehörigen keine Antwort des Glaubens zurückkam. In dieser Not wurde meine Liebe zur Pfarrgemeinde umso inniger. Zugleich war mir klar, dass das Ende meines Dienstes bevorstünde.

Elke: Ich habe in deinem Buch gelesen, dass du in dieser Zeit sehr verzweifelt warst und Gott gefragt hast, was los ist, warum er dich verlässt. Als Antwort bekamst du dann, dass Gott deinen Gehorsam will. Ich stell mir das sehr schwierig vor, wenn du als Priester jetzt plötzlich andere Erkenntnisse hast und das dann auch umsetzen möchtest?
TaufeHannes: Ja, das war es für mich auch. Um einige Beispiele zu nenne: Ich predigte, zuerst Bekehrung, Glaube an Jesus und dann Taufe. Bei jeder Taufvorbereitung zeigte ich den Eltern alle Stellen der Heiligen Schrift über die Taufe. Also, zuerst gläubig, dann getauft! Dies darf nie und nimmer umgekehrt werden.
Ich schlug ihnen vor, die Taufe des neugeborenen Kindes bis in jene Zeit zu verschieben, in der das Kind im Glauben an Jesus gekommen ist. Ich versprach, dass sie keine Repressalien bekommen werden. Ich werde sie als Pfarrer in der Schule, in der Pfarre schützen. Wenn die Zeit dann reif ist, werden wir eine herrliche Taufe haben. Jedoch sie lehnten ab und wünschten weiterhin sofort die Taufe für ihr Kind. Und ich selber taufte doch wieder dieses Kind. – Das war mein Ungehorsam dem Herrn gegenüber. Ich war der katholischen Kirche mehr gehorsam als dem Herrn im Wort Gottes.
Außerdem sprach ich Menschen im Beichtstuhl von Sünden los, obwohl nur Gott allein Sünde vergeben kann und bei den Menschen weder ein klares Bekenntnis von Sünden vorlag, noch ein Zeichen einer wirklichen Bekehrung oder eines Interesses am Herrn.
Außerdem brachte ich bei der Messe das Opfer Jesu für Verstorbene dar, damit sie nach ihrem Tod nachgeholt bekämen, was sie zu Lebzeiten verachtet und versäumt hatten, die Errettung in Jesus. Dabei sprach Jesus beim Abendmahl zu Lebenden und nicht zu Verstorbenen. Er sprach: "Nehmet und esset alle davon" und nicht: "Opfert alle damit."
Auch beugte ich weiterhin vor diesem Brot meine Knie zur Anbetung, obwohl er nicht im Brot selber ist, sondern zur rechten des Vaters im Himmel sitzt, wie ein Stephanus ihn im Angesicht seines Todes sieht. Gott kann nicht in einem Gegenstand angebetet werden, das ist in seinen Augen Götzendienst.
Viele in der Pfarre beteten zu Maria mehr als zu Gott. Gott aber sagt: "Rufe mich an, wenn du in Not bist." Beten heißt mit Gott sprechen. Warum wird beim Beten zu Geschöpfen gesprochen, die nicht Gott sind? Ich versuchte auch darin, eine Korrektur herbeizuführen. Es war vergeblich. Jene Ehre, die Gott allein zusteht, wurde Gott weggenommen und Maria übergeben. Wie kann solch eine Marienverehrung noch Gott ehren? Maria wird mit einem Schutzmantel dargestellt und als Schutzherrin angerufen ...
... Mehr und Genaueres kann man auch im Buch nachlesen.

Zutiefst betroffen wurde mir klar, dass ich Jesus bei all dem immer den Kürzeren ziehen ließ. Ich verhandelte gleichsam mit ihm. Aus Rücksicht zu meiner Katholischen Pfarrgemeinde möge Jesus darüber hinwegsehen. Wie könnte ich dann noch sagen, dass ich ihn mehr liebe als die anderen? Wie wäre er dann noch mein Herr? Ich hatte große Angst und Sorge vor einer Erschütterung der Pfarrangehörigen, die meinen Glaubensgehorsam nicht verstanden. Würden sie dadurch noch mehr an Gott irre? Darf ich die Herde verlassen, die mir anvertraut wurde? Alle jene, die aus Ägypten ausgezogen waren, kamen in der Wüste um, weil sie zwar angefangen haben, einen Weg mit Gott zu gehen, aber dann eigenmächtig in ihrer Frömmigkeit geworden sind. So ist es auch mir nicht gegeben, eine im Katholizismus eigenmächtige Pfarrgemeinde zu Gott zu führen.
Diese Feststellung war für mich eine der härtesten geistlichen Erfahrungen in meiner Seelsorge.

Elke: Deine Bemühungen, die Pfarrgemeinde zu einer bibeltreuen Gemeinde zu machen, scheiterten also?
Hannes: Ja. Dieses Scheitern leitete auch einen Verlust meiner gesellschaftlichen Stellung ein. In dieser Konstellation arbeitete ich mit aller Kraft daran, die eigentliche Botschaft des Evangeliums deutlich zu machen und die ganze Wahrheit der Heiligen Schrift vorzulegen. Ich predigte, dass Gott uns zur Buße ruft, uns liebt, mit uns das Beste vorhat und uns teilhaben lässt an seinen Verheißungen. In meiner Predigtvorbereitung betete ich darum, dass die Pfarre doch noch aufbrechen möge. Ich verstand den Propheten Jeremia, der inmitten seines Volkes keine Heimat mehr hatte. Alle wurden ihm fremd, viele hassten ihn, weil er nicht in ihr Konzept passte.

Elke: Sicher hat sich doch auch bald unter den Kollegen rumgesprochen, dass du eine andere Sichtweise hast oder?
Hannes: Ja, alsbald wurde ich von Amtskollegen aufgefordert, meinem Bischof offenzulegen, was nun meine Glaubensgrundlage bezüglich der Säuglingstaufe, dem Priestertum, den Sakramenten ist. Zu einem ersten Gespräch wurde ich zu Weihbischof Dr. Alois Stöger vorgeladen. Er war ein weithin anerkannter Fachtheologe für das Neue Testament. Das Gespräch war erstaunlich offen und er schätze mein seelsorgliches Engagement. Ich bat, die Kirche möge doch auch die bewusste Glaubenstaufe tolerieren und nicht mehr zur Säuglingstaufe verpflichten. Es endete mit der Aufforderung, ich solle nicht mehr mit freikirchlichen Gruppierungen zusammenkommen. Diese Tür konnte und wollte ich nicht mehr schließen. Dies gab ich auch zu erkennen und verabschiedete mich von ihm.
Mein zweiter Termin war nach einigen Wochen beim Diözesanbischof Dr. Franz Zak, einem Doktor des Kirchenrechts. Er hatte bereits Briefe bekommen, in denen ein Pfarrer sich beklagte, dass ich den Freikirchen zuviel Schützenhilfe gäbe. Er stellte darüber mich zur Rede und ich gab zur Antwort: "Alles, was die Heilige Schrift lehrt, ist Inhalt meines Glaubens. Was über die Heilige Schrift hinausgeht, kann ich nicht mehr als Fundament des Glaubens akzeptieren." Worauf die Frage des Bischofs lautete: "Was meinen Sie damit, was nicht in der Heiligen Schrift steht?" Ich sagte: die Kindertaufe, das Weihepriestertum, das Verständnis der Messe, das alles ist außerhalb der Heiligen Schrift. Der Mensch wird nicht durch die Taufe gerecht, sondern durch den Glauben. Dies ist ein persönlicher Glaube und nicht ein stellvertretender Glaube von Paten oder einer Kirche. Jesus allein ist der Hohepriester im neuen Testament nach der Ordnung des Melchisedek (Hebräer 6,20) und kein anderer neben ihm. Er allein hat priesterlich das Erlösungsopfer dargebracht.
Er ist mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen und hat uns eine ewige Erlösung erworben (Hebräer 9, 12).

Die Suspendierung

Elke: Und deine Suspendierung folgte???
Hannes: Erschrocken fragte mich der Bischof, wie lange ich schon das so glaube. Er zog sich kurz zurück und sagte: "Ich muss Sie auf der Stelle suspendieren (des Amtes entheben)." Über mir war ein spürbarer Friede. Ich versuchte eher, den Bischof zu beruhigen, denn ich hatte für seine Entscheidung volles Verständnis. Es wurde telefonisch der Dechant verständigt, für die angesagte Abendmesse einen Priester zu entsenden. Ich verabschiedete mich unter Dank für die bisherige Beziehung und betete im Herzen. Ich war so froh darüber, dass ich jetzt endlich Klarheit geschaffen hatte und dies der mir gegebene Augenblick dafür war. Nun wusste ich, dass ich dabei nicht eigenmächtig gehandelt hatte oder sonst ein falscher Eifer in mir war. Mehr als je zuvor merkte ich, dass ich Eigentum des Herrn geworden bin und der Herr sich um mich kümmern wird. Der ganze Vorgang war wie ein Blitz unter dem richterlichen Spruch Gottes. Es war kein Wort der Verteidigung in meinem Mund. Ich hatte ganz einfach vor meiner Obrigkeit offen gelegt, was die Hoffnung meines Heiles ist.
Tags darauf teilte der Bischof noch seinem Studienkollegen mit, dass er eine Entscheidung treffen habe müssen, die ihm schwer gefallen sei, da ihm um diesen Pfarrer leid wäre.

Elke: Trotz allen Schwierigkeiten, die jetzt auf dich im Alter von 48 Jahren warteten, danktest du dem Herrn für seine Führung durch diese Stunde. In dir war jetzt nichts mehr, was zwischen Gott und dir stand. Der Schritt des Gehorsams war getan.
Wie deine Pfarrgemeinde reagierte - wie du den letzten Gottesdienstbesuch erlebtest - was in der Zeitung über dich berichtet wurde - wie du die Zeit nach deiner Suspendierung mit Instandsetzung der Wohnung und Arbeitsuche erlebtest - wie die Großdruckausgabe der Heiligen Schrift wieder aus der Kirche entfernt wurde - was für einen psychischen Druck deine erste Tätigkeit auf dich ausübte - über deinen schweren Unfall und über deine Arbeitsstelle in Wien beim Finanzamt und dann in Amstetten die gesegnete Zeit auf der Beihilfestelle - kann man alles in deinem Buch nachlesen.

 

Ehe mit Elsa

Elke: 1986, als du 49 Jahre alt warst, gab es ein besonderes Ereignis. Elsa und Johannes gaben sich das Jawort!
Hannes: Ja, am 2.5.1986, das ist am Tag nach meinem 49. Geburtstag gaben wir uns im Standesamt Krems-Stein vor der Öffentlichkeit das Jawort fürs eheliche Leben. Es war ein enger Freundeskreis von 15 Leuten, die uns dazu begleiteten. Am selben Tag trafen wir uns abends mit einem größeren Kreis von Glaubensgeschwistern in einem Hotel, um im Licht des Wortes Gottes den Segen der Ehe unter Gebet entgegenzunehmen.
Elsa wurde mir ein wichtiger Partner im Glauben und im Leben. Vor ihr ist mein Leben so offen, dass ich vor ihr nichts verbergen kann und auch nichts zu verbergen brauche. Sie liebt mich mit meinen Schwächen und meinen Stärken. Das lässt mich vor ihr auch so entspannt und ehrlich sein. Vor allem aber zeigt sie mir gegenüber stets eine hohe Wertschätzung, die mir Schaffensfreude und Kraft gibt für den Dienst im Werk des Herrn. Geistlich gesehen versteht sie mit mir unsere Ehe als Basis einer Versammlung, einer Hauskirche. So finden wir uns täglich zu einer Schriftlesung und einem Gebet ein, manchmal nur kurz, dann auch einmal länger, um alle Anliegen vor ihn auszubreiten.

Diese Gemeinschaft unseres gemeinsamen Jüngerseins trägt uns durch den ganzen Tag. Wird unser Vor-dem-Herrn-Sein seicht, verliert sich auch unser Alltagsleben ins Nichtige und gerät in Turbulenzen. So kehren wir wieder gern und reumütig in unsere Heimat im Glauben zurück. Kostbar ist unser Leben doch nur auf den Wegen des Herrn.

 

Unser Heim

Umgebung

GollingElke: Heute lebt ihr in einem schönen Häuschen in Krummnussbaum genau am Ortsrand von Golling.
Hannes: Zuerst wohnten wir in einer Eigentumswohnung. Nach vielen Gebeten ging Elsas Traum von einem Garten in Erfüllung und seit 1991 steht auf diesem Grundstück, dass wir nach und nach erworben haben, sogar ein Fertighaus, in dem wir uns im Namen unseres Herrn Jesus mit anderen versammeln können. Unsere Eigentumswohnung konnten wir verkaufen.

 

Haus

Pension

Elke: Inzwischen bist du auch in Pension und immer sehr viel unterwegs – seit wann ist das?
Hannes: 1997 ging ich in Pension und freue mich, dass ich nun frei für den Herrn bin.
Meine Liebe zu den Glaubensgeschwistern zog mich in immer weitere Kreise, um dort zu dienen, diese zu ermutigen und zu festigen. Mein Wirkungsradius ging in alle Bundesländer Österreichs, in die Schweiz und nach Deutschland. Ein Abstecher ging nach Bratislava und nach Finnland (Hämeenlinna), wo ich über den Katholizismus im Licht der Heiligen Schrift referierte und im Zeugnisdienst war. Eine Christengemeinde lernte ich noch als katholischer Pfarrer kennen.
In Albert Betschel, der Pastor in Salzburg und anschließend in Wien war, hatte ich jahrelang einen engeren und vertrauten Erfahrungsaustausch. Er war immer bedacht auf eine gesunde Lehre. Über seine Empfehlung half ich auch in St. Pölten einige Jahre am Gemeindebau als Prediger und als Ältester mit.

Die Versammlungen in unserem Haus

EinladungElke: Ihr habt oft viele Gäste und trefft euch jeden Sonntag in einem Hauskreis bei euch zu Hause, um Gemeinschaft zu haben. Wie wird so eine Versammlung gestaltet?
Hannes: Die Versammlung baut sich auf in Gemeinschaft - geistlichen Liedern - persönlichem Gebet - Schrifterschließung - Gebet füreinander. In diesem Kreis ist jeder willkommen, der Gott und Seine Absichten in erfrischender Weise kennen lernen will.
Wir wollen dabei das Entscheidende, das Lebensnotwendige, ja Lebensrettende suchen, von wo aus sich unser Leben zu einem geordneten Ganzen bildet. Wir werden dem inneren Menschen nach auferbaut und bekommen Kraft, im Licht Gottes zu wandeln und in Jesu Blut die Reinigung von aller Sünde zu erfahren.

Freizeit

Elke: Ich weiß inzwischen, dass Elsa ihren Garten liebt und es ihr Freude macht, euch und auch eure Gäste mit gesundem Gemüse zu versorgen. Ich kann nur sagen: "Lecker!" :-)

Garten


Was machst DU in deiner Freizeit, wenn du nicht gerade Hauskreise oder Vorträge hältst oder etwas schreibst ...
SpitzHannes: Mein Tagesablauf beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück, gemeinsamer kurzer Schriftlesung und Gebet, dann ein gemeinsamer Rundgang mit Julian, unserem Wolfsspitz. Dann setze ich mich in mein Arbeitszimmer und leiste mir den Luxus in meiner Pension: eine ergiebige Zeit für Schriftlesung und Gebet, das aus der Schriftlesung her gespeist ist.

Spaziergang

 

Dann die Erledigung der Post. Ich habe fast täglich Briefe zu beantworten und oft geistlichen Rat zu erteilen, Telefonate und E-Mails zu beantworten.

Im Büro

Nach dem Mittagessen setzen Elsa und ich uns zusammen zu einer längeren gemeinsamen Schriftlesung und Gebet für die Geschwister. Als körperlichen Ausgleich mache ich dann auch Gartenarbeit mit Elsa. Dann wartet noch eine Lektüre, die für meinen Dienst gerade dran ist. Zwischendurch kommen auch Besuche zu uns…

ramelElke: Zuletzt möchte ich noch den Link zu deiner Homepage weitergeben. www.johannes-ramel.at auf der es viel zum Lesen und zum Downloaden gibt: Predigten, Vorträge im mp3-Format - Schriften zu verschiedenen Themen und vor allem auch deine Bücher - Fotos von früher und heute - was dich bewegt ....


Hannes: In Link"Mein Lebenszeugnis" erzähle ich mehr darüber, wie Gott mir hautnah aufzeigte, dass "alle gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes verfehlen, die sie bei Gott haben sollten" (Röm 3,23). So machte ich mich auf, den Weg zu Gott neu zu suchen.
Elke: Lieber Hannes, ich möchte mich bei dir bedanken, dass wir so viel über dein bzw. euer Leben erfahren durften. Ich finde es immer wieder spannend, wenn man hört, wie Gott die Menschen führt. Ich wünsche euch weiterhin Gottes Segen bei all' dem, was ihr tut und viel Freude und Kraft im Alltag.